Die Geschichte von Rut – Teil 2
Peter Amsterdam
[The Story of Ruth—Part 2]
Der vorherigen Artikel endete damit, dass Boas Ruth gesagt hatte, sie dürfe gerne auf seinen Feldern Ähren lesen, bis diese vollständig abgeerntet seien. Sie arbeitete weiterhin mit den Frauen auf seinen Feldern zusammen, sowohl während der Gersten- als auch der Weizenernte.
Eines Tages sagte Noomi zu Rut: „Meine Tochter, es ist Zeit, dass ich ein Zuhause für dich finde, damit für dich gesorgt ist. Boas, mit dessen Mägden du zusammen warst, ist ein naher Verwandter von uns. Heute Nacht wird er die Gerste auf der Tenne worfeln. Nun nimm ein Bad, parfümiere dich und zieh dein schönstes Kleid an. Dann geh zur Tenne, aber zeig dich Boas nicht, bevor er fertig gegessen und getrunken hat. Achte darauf, wo er sich hinlegt; dann geh, deck seine Füße auf und leg dich dorthin. Er wird dir dann sagen, was du weiter tun sollst.“ „Ich werde alles tun, was du sagst“, antwortete Rut. – Rut 3,1–5
Naomi machte sich Sorgen um Ruths Zukunft und wollte für sie Sicherheit, Geborgenheit und ein Zuhause finden. Da Boas ein Verwandter von ihr war, galt er als Loskäufer, was bedeutete, dass er die Pflicht hatte, Ruth zu heiraten, um den Namen ihres verstorbenen Mannes Mahlon am Leben zu erhalten. Naomi wusste, dass Boas an diesem Abend auf der Tenne Gerste sieben würde, also wies sie Ruth an, sich vorzubereiten, indem sie sich wusch, ihre beste Kleidung anzog und sich parfümierte. Ruth trug möglicherweise Trauerkleidung, und durch den Kleiderwechsel zeigte sie, dass sie nicht mehr trauerte.
Naomi wies Ruth an, sich von Boas fernzuhalten, bis er sich hingelegt und eingeschlafen hatte. Offenbar schlief er nicht dort, wo seine Knechte schliefen, sondern hatte wohl einen besonderen Platz etwas abseits von ihnen. Sobald er schlief, sollte Ruth seine Füße aufdecken und sich hinlegen. Naomi sagte zuversichtlich, dass Boas ihr, wenn er erwachte und Ruth zu seinen Füßen fand, sagen würde, was sie tun solle.
Am Abend ging sie zur Tenne und folgte den Anweisungen ihrer Schwiegermutter. Als Boas seine Mahlzeit beendet hatte und guter Dinge war, legte er sich neben den Getreidehaufen und schlief ein. Da kam Rut leise herbei, deckte seine Füße auf und legte sich nieder. – Verse 3,6–7
Nach der getanen Ernte, einer Mahlzeit mit Essen und Trinken fühlte sich Boas vermutlich wohl. Als der Abend sich dem Ende neigte, ging er ans andere Ende des Getreidehaufens und legte sich schlafen. Ruth merkte sich, wo Boas lag, und als er schlief, ging sie hin und entfernte die Decke, die seine Füße bedeckte, sodass sie der Nachtluft ausgesetzt waren. Dann legte sie sich zu seinen Füßen.
Um Mitternacht fuhr Boas plötzlich vom Schlaf auf und beugte sich vor. Überrascht sah er eine Frau zu seinen Füßen liegen. „Wer bist du?“, fragte er. „Ich bin deine Magd Rut“, antwortete sie. „Breite einen Zipfel deiner Decke über mich, denn du bist der Loskäufer meiner Familie. – Verse 3,8–9
Als Ruth sich Boas zu erkennen gibt, erwähnt sie, dass er ein Loskäufer sei. Manche spekulieren, dass diese Begegnung zwischen Boas und Ruth sexueller Natur war, doch in den Studienanmerkungen zur ESV heißt es: „Manchmal wird vermutet, dass ‚seine Füße‘ (wörtlich: ‚Ort seiner Füße‘, hebräisch margelot) eine Umschreibung für sexuellen Kontakt sei, doch dafür gibt es keine Belege, und es wäre in dieser Geschichte unangebracht.“
Boas war sich der Verantwortung eines Lösers bewusst; er sollte Ruth heiraten, um einen Sohn zu zeugen, der als Sohn von Mahlon, ihrem ersten Ehemann und Naomis Sohn, gelten würde.
„Der HERR segne dich, meine Tochter!“, rief Boas aus. „Jetzt zeigst du noch größere Liebe als bisher, weil du nicht jüngeren Männern nachläufst, egal, ob reich oder arm. Mach dir keine Sorgen, meine Tochter. Ich werde alles für dich tun, worum du mich bittest, denn jeder in der Stadt weiß, dass du eine anständige Frau bist. Es stimmt, dass ich einer der Loskäufer deiner Familie bin, doch es gibt noch einen Mann, der näher mit dir verwandt ist als ich. – Verse 3,10–12
Anstatt zögerlich oder zurückhaltend zu reagieren, war Boas von der Aussicht, Ruth zu heiraten, begeistert, und er betete darum, dass sie von Gott gesegnet werde. Erneut bezeichnete er sie als „meine Tochter“. Mit den Worten „Jetzt zeigst du noch größere Liebe als bisher“, bezog sich Boas wahrscheinlich darauf, wie Ruth sich um Noomi gekümmert hatte – das war ihre „erste“ Wohltat. In seinen Augen war ihre Entscheidung, ihn zu heiraten, noch größer als alles, was sie seither für Noomi getan hatte.
Boas willigt ein, Ruths Bitte nachzukommen; allerdings steht ihnen ein Hindernis im Weg: ein Verwandter, der näher mit ihrem verstorbenen Mann verwandt war und somit eigentlich Ruth heiraten sollte. Sollte er sich jedoch gegen die Heirat entscheiden, wäre Boas der Nächstliegende in der Reihe.
„Bleib heute Nacht hier. Wenn der Mann morgen früh bereit ist, dich auszulösen, soll er das tun. Wenn er aber keine Lust dazu hat, dann werde ich dich auslösen, so wahr der HERR lebt! Jetzt leg dich wieder hin bis zum Morgen.“ Also blieb Rut bis zum Morgen zu seinen Füßen liegen. Sie stand jedoch auf, bevor es hell genug wurde, um einen Menschen zu erkennen. Denn Boas meinte: „Es braucht keiner zu wissen, dass eine Frau hier auf der Tenne war.“ Er sagte zu Rut: „Nimm das Tuch, das du dir umgelegt hast und halte es auf.“ Er füllte sechs Maß Gerste in das Tuch und half Rut, es auf den Rücken zu nehmen. Dann ging Boas zurück in die Stadt. – Verse 3,13–15
Nachdem diese Entscheidung gefallen war, wies Boas Ruth an, bis zum Morgen weiter zu seinen Füßen zu liegen. Bevor Ruth ging, gab Boas ihr sechs Maß Gerste. Würden andere Ruth so früh am Morgen draußen sehen, würden sie annehmen, dass sie Getreide gekauft hatte und auf dem Heimweg war.
Als Rut wieder zu ihrer Schwiegermutter kam, fragte Noomi: „Was hast du erreicht, meine Tochter?“ Rut erzählte Noomi alles, was Boas für sie getan hatte, und fügte hinzu: „Er hat mir diese sechs Maß Gerste gegeben und gesagt: ‚Du sollst nicht mit leeren Händen zu deiner Schwiegermutter zurückkommen.‘“ Da sagte Noomi zu ihr: „Warte in Ruhe ab, meine Tochter, bis du erfährst, wie die Sache ausgeht. Der Mann wird nicht ruhen, bis er die Sache noch heute entschieden hat.“ – Verse 3,16–18
Noomi riet Ruth, geduldig abzuwarten und zu sehen, wie sich die Dinge entwickeln würden. Sie war sich sicher, dass die Angelegenheit noch am selben Tag geklärt werden würde, doch sie müssten das Ergebnis abwarten. Unterdessen unternahm Boas alles, um die Heirat mit Ruth zu ermöglichen.
Boas ging zum Stadttor und setzte sich dorthin. Als der andere Loskäufer, von dem er gesprochen hatte, vorbeilief, rief Boas ihm zu: „Komm doch herüber und setz dich zu mir.“ Und der Mann kam und setzte sich zu Boas. Dann holte Boas zehn weitere Männer von den Ältesten der Stadt und bat sie ebenfalls Platz zu nehmen. Also setzen sie sich dazu. – Verse 4,1–2
In früheren Zeiten war das Stadttor oft der Ort, an dem geschäftliche und rechtliche Angelegenheiten geregelt wurden, und zugleich ein Ort der Zusammenkunft und der Geselligkeit. Als der Löser zum Tor kam, bat Boas ihn, sich zu ihm zu setzen, und bat zehn der Stadtältesten, die sich ebenfalls am Stadttor befanden, sich ebenfalls zu setzen, damit sie Zeugen dessen sein könnten, was sich gleich ereignen würde.
Boas sagte zu dem Loskäufer der Familie: „Noomi, die aus Moab zurückgekehrt ist, will das Land unseres Verwandten Elimelech verkaufen. Ich dachte, ich sollte dir das sagen und dir einen Vorschlag machen: Wenn du das Land auslösen willst, dann kaufe es jetzt in der Gegenwart der Ältesten meines Volkes und aller, die hier sitzen. Wenn du es jedoch nicht auslösen willst, dann lass es mich wissen, denn es gibt keinen anderen Loskäufer außer dir, und ich bin erst nach dir an der Reihe.“ Der Mann antwortete: „Gut, ich werde es auslösen.“ – Verse 4,3–4
Boas kam sofort zur Sache. Er wollte, dass der Löser über die Situation mit Naomi, Ruth und Elimelechs Landstück Bescheid wusste, da er als nächster Verwandter berechtigt war, es zu erwerben. Der erste Löser hatte zunächst zugestimmt, das Land zu kaufen, war sich aber noch nicht bewusst, dass der Kauf an Bedingungen geknüpft war, wie Boas ihm danach erklärte.
Da sagte Boas zu ihm: „Wenn du das Land von Noomi kaufst, erwirbst du damit auch Rut, die moabitische Witwe, und musst sie heiraten, damit ihrem verstorbenen Mann ein Erbe für das Land geboren wird.“ „Dann kann ich es nicht auslösen“, sagte der Loskäufer, „denn damit würde ich meinen eigenen Besitz gefährden. Übernimm du mein Loskaufrecht; ich kann das Land nicht auslösen.“ – Verse 4,5–6
Als Boas von Ruth sprach, bezeichnete er sie sowohl als Moabiterin als auch als Witwe des Verstorbenen. Wahrscheinlich wollte er damit den Eindruck erwecken, dass es für den Löser keine gute Idee sei, das Land zu übernehmen und Ruth zu heiraten. Sich sowohl um Noomi zu kümmern als auch Ruth zu heiraten, würde das Leben des Löser und seine eigenen Vermögensverhältnisse erschweren, weshalb er seine Meinung änderte und sein Rückkaufsrecht an Boas abtrat. Er besiegelte seine Entscheidung, indem er Boas seine Sandale übergab, ein Brauch, der damals bei rechtlichen Transaktionen üblich war (Verse 4,7–8).
Nachdem der Verwandte es abgelehnt hatte, das Grundstück zu kaufen, wandte sich Boas an die Ältesten, die Zeugen der Transaktion waren, sowie an alle anderen, die sich um sie herum versammelt hatten. Er bestätigte, dass er das Land erwarb, das zuvor Noomis Ehemann Elimelech und ihren Söhnen gehört hatte, und dass er Ruth heiraten würde (Verse 4,9–10).
Da sagten alle, die im Tor zusammen waren, und die Ältesten: „Wir sind Zeugen! Der HERR beschenke die Frau, die jetzt in dein Haus kommt, so reich wie Rahel und Lea, aus denen das ganze Volk Israel hervorgegangen ist! Dein Familienglück soll sich mehren in Efrata und dein Name bedeutend werden in Bethlehem. Und der HERR schenke dir durch diese junge Frau ebenso viele Nachkommen wie unserem Ahnherrn Perez, dem Sohn von Tamar und Juda.“ – Verse 4,11–12
Diejenigen, die zusammen mit den Ältesten am Stadttor standen, bestätigten, dass sie Zeugen des Kaufs all dessen waren, was Noomi gehörte, und sprachen einen dreifachen Segen aus, der wahrscheinlich von einem Sprecher unter den Ältesten vorgetragen wurde. Zunächst beteten sie, dass Ruth fruchtbar sein möge wie Rahel und Lea, die zusammen zwölf Söhne hatten. Der zweite Segen galt Boas als dem Stammvater dieser neuen Familie und dass sein Name in Israel weiterleben werde. Der dritte Segen bezog sich auf das noch ungeborene Kind namens Obed, das Boas und Ruth geboren werden sollte.
So heiratete Boas Rut und sie wurde seine Frau. Als er mit ihr schlief, ließ der HERR sie schwanger werden, und sie gebar einen Sohn. – Vers 4,13
Und die Frauen der Stadt sagten zu Noomi: „Gelobt sei der HERR, der dir heute einen Loskäufer geschenkt hat! Sein Name soll in Israel gefeiert werden! Durch dieses Kind sollst du innerlich wieder gesund werden, und im Alter soll es für dich sorgen. Denn es ist der Sohn deiner Schwiegertochter, die dich so sehr liebt und die dir mehr bedeutet als sieben Söhne!“ Noomi nahm das Kind und legte es auf ihren Schoß und übernahm die Pflege des Jungen. Die Nachbarinnen sagten: „Jetzt hat Noomi endlich wieder einen Sohn!“ Und sie nannten ihn Obed. Er wurde der Vater von Isai und der Großvater von David. – Verse 4,14–17
Die Frauen von Bethlehem, die von Noomis früherer Trostlosigkeit wussten (Rut 1,19–20), brachten nun Lobpreis und Gebete dar. Sie priesen den Herrn, der sie nicht ohne einen Löser gelassen hatte, und beteten, dass das Kind in ganz Israel berühmt werden möge. Sie lobten auch Rut, Noomis Schwiegertochter, die Noomi bedingungslose Liebe entgegengebracht hatte und „ihr mehr bedeutete als sieben Söhne“.
Das Kind erhielt den Namen Obed (was „Diener“ bedeutet), wahrscheinlich eine Kurzform von Obadja („Diener des Herrn“). Wie sich herausstellte, wurde Obed der Vater von Isai, der wiederum der Vater von König David war, was bedeutet, dass Ruth die Urgroßmutter Davids war (Verse 4,18–22).
Ein Autor fasst das Buch Ruth mit folgenden Worten zusammen: „Am Ende überwindet Gott alle Hindernisse, um Noomi aus der Leere und Trostlosigkeit zur Fülle zu führen, Boas vom Junggesellen zum glücklich verheirateten Mann zu machen und Ruth von einer fremden Witwe zur Urgroßmutter des größten Königs Israels zu machen!“ ¹
1 W. Gary Phillips, Holman Old Testament Commentary, Judges and Ruth (B&H Publishing Group 2004) 353.