Die Bekehrung eines römischen Prokonsuls
Schätze
[The Conversion of a Roman Proconsul]
Die Handlung dieser Erzählung spielt um das Jahr 45 n. Chr., als sich die Grenzen des Römischen Reiches, bewacht von seinen Legionen, von Britannien bis Persien über die ‚ganze Welt‘ erstreckten. Rom, das der römische Dichter Tibullus im 1. Jahrhundert v. Chr. als „ewige Stadt“ bezeichnete, herrschte als Sitz aller Macht und Heimat der Cäsaren uneingeschränkt.
Fünfzehn Jahre zuvor hatte ein scheinbar unbedeutender jüdischer Zimmermann namens Jesus von Nazareth – ein Mann, der behauptet hatte, der Sohn Gottes zu sein – in der abgelegenen römischen Provinz Palästina eine religiöse Revolution ausgelöst. Doch seine Bewegung schien zerschlagen worden zu sein, als er verhaftet und auf typisch römische Weise durch Kreuzigung hingerichtet wurde. Der Vorfall geriet bald in Vergessenheit, und das kaiserliche Rom setzte in all seiner Pracht und dekadenten Herrlichkeit seine unangefochtene Herrschaft über die Welt fort.
Unsere Geschichte spielt auf Zypern, einem wichtigen Schauplatz im Neuen Testament. Zypern war die Heimat Mnasons, der als „einer der ersten Gläubigen“ bezeichnet wird und wahrscheinlich einer der ersten Bekehrten zu Pfingsten war (Apostelgeschichte 21,16). Auch der Apostel Barnabas stammte aus Zypern (Apg. 4,36).
Als in Jerusalem Verfolgung ausbrach, berichtet die Apostelgeschichte, dass viele Christen aus Jerusalem zerstreut wurden und einige „bis nach Phönizien, Zypern und Antiochia reisten“, um den christlichen Glauben zu verkünden, jedoch nur unter den Juden (Apg. 11,19). Einige der Gläubigen aus Zypern, die nach Antiochia (in Syrien) gingen, begannen, den Griechen das Evangelium zu verkünden und ihnen „die gute Nachricht von Jesus Christus“ zu erzählen. Daraufhin „viele Nichtjuden glaubten und bekehrten sich zum Herrn“ (Apg. 11,20–21).
Der Apostel Paulus unternahm seine erste Missionsreise zusammen mit Barnabas und Johannes Markus nach Zypern. Sie segelten von Syrien nach Salamis im Osten Zyperns, wo sie in der Synagoge predigten (Apg. 13,4–5). Anschließend bereisten sie die ganze Insel, bis sie die Stadt Paphos im Westen erreichten (Apg. 13,6).
In dieser entscheidenden Zeit der Geschichte bekleidete Sergius Paulus das Amt des Prokonsuls der Insel Zypern, das höchste Amt in dieser römischen Senatsprovinz. In dieser Funktion genoss er jeden erdenklichen Komfort, Luxus und materiellen Genuss. Doch fand er keine innere Zufriedenheit und suchte nach einer Wahrheit jenseits des Imperialismus und Materialismus seiner Zeit.
Sergius war ein intelligenter und belesener Mann, der zu dem Schluss gekommen war, dass die römischen Götter und religiösen Zeremonien nichts als leerer und bedeutungsloser Aberglaube war. Auf seiner Suche nach spiritueller Wahrheit schloss er sich einem jüdischen falschen Propheten namens Bar-Jesus an (Apg. 13,6). Dieser Mann war auch unter dem Namen „Elymas“ bekannt, was „der Zauberer“ bedeutet. In der Antike wurde Magie praktiziert, um Krankheiten zu heilen, körperliche Segnungen zu bringen, Flüche auszusprechen oder anderen zu schaden, auch wurden Zauberer herangezogen, um die Zukunft vorherzusagen.
Sergius musste zugeben, dass Elymas über eine Art spirituelle Kraft zu verfügen schien, und dennoch fand er keine Ruhe. „Was ist eigentlich Wahrheit?“, fragte er sich.
Gerade zu der Zeit erfuhr er, dass einige Männer, die das Wort Gottes verkündeten, durch Zypern gereist und in Paphos angekommen waren. Es hatte sich herumgesprochen, dass diese Männer über die geistliche Wiedergeburt und den Weg zum ewigen Leben lehrten. Neugierig geworden, lud Sergius diese Fremden zu sich an seinen Hof ein, um das Wort Gottes zu hören (Apg. 13,7).
Am nächsten Tag, verloren in seinen Gedanken, wurde er von einem Diener unterbrochen, der sagte: „Herr, die Männer sind zu ihrem Termin eingetroffen.“ Sergius verließ die Terrasse und ging hinunter in seine Villa, um sie zu empfangen. Drei Juden, die sich als Barnabas, sein Neffe Johannes Markus und Paulus von Tarsus vorstellten, begrüßten ihn. Ebenfalls soeben eingetroffen war der Magier Elymas, ein enger Freund und Berater von Sergius, den er herzlich begrüßte.
Nachdem ihnen ein Festmahl mit Speisen und trockenem Zypernwein aufgetischt worden war, begannen sie sich zu unterhalten. Sergius freute sich sehr, zu erfahren, dass Paulus nicht nur römischer Bürger war, sondern dass Barnabas aus Zypern stammte. Dann sagte Sergius: „Ich habe viel über eure Religion gehört und dass König Herodes vor etwas mehr als einem Jahr einen eurer Anführer töten und andere einkerkern ließ, nicht wahr? (Apg. 12,1–4). Ich hörte damals allerlei Schlechtes über euch, wusste aber nicht, was ich davon halten sollte.“
„Als ich kurz darauf hörte, dass Herodes von Würmern zerfressen worden war, fragte ich mich, ob euer Gott ihn richtete (Apg. 12,20–23). Aber andererseits wird eure Sekte überall verteufelt!“ (Apg. 28,22).
Paulus antwortete: „Früher glaubte ich, alles, was in meinen Kräften steht, tun zu müssen, um den Anhängern des Jesus von Nazareth Einhalt zu gebieten. Von den Anführern des jüdischen Volkes dazu bevollmächtigt, ließ ich viele Gläubige in Jerusalem verhaften. Wenn sie zum Tode verurteilt wurden, stimmte ich ebenso gegen sie. Oft ließ ich sie in den Synagogen auspeitschen, weil ich sie dazu bringen wollte, Christus zu verfluchen. Ich bekämpfte sie mit solcher Erbitterung, dass ich sie sogar bis in weit entfernte Städte im Ausland verfolgte.“ – Apostelgeschichte 26,9–11
Sergius rief aus: „Und nun bist du als Rädelsführer dieser Sekte bekannt geworden. Wie nennt ihr euch selbst?“ Elymas bemerkte spöttisch: „Sie werden ‚die Sekte der Nazarener‘ genannt!“ (Apg.24,5).
Barnabas entgegnete: „Wir möchten lieber als Christen bekannt sein“ (Apg. 11,26).
Als Paulus weitererzählte, wie er auf dem Weg nach Damaskus auf wundersame Weise zum Christentum bekehrt worden war, bemerkte Elymas, wie aufmerksam Sergius ihren Worten lauschte. Als ihm klar wurde, dass sein Freund, der Statthalter, seinen Ratschlägen nicht mehr folgen würde, sollte er zum Christentum übertreten, geriet Elymas in rasende Eifersucht. Wütend unterbrach er sie, widersprach Paulus und Barnabas und sprach von den Anschuldigungen, die er über ihre Bewegung gehört hatte.
Sergius Paulus war verwirrt. Er interessierte sich für die Lehre von Gottes Liebe und Wahrheit dieser Christen, doch Elymas war lange Zeit sein enger Vertrauter und Berater gewesen. Wem sollte er nun glauben?
Als Paulus sah, dass Elymas versuchte, den Statthalter vom Glauben abzubringen, kam der Heilige Geist mit großer Kraft und Autorität über ihn, und mit erhobenem Finger wies er den Magier zurecht: „Du Sohn des Teufels! Du steckst voller List und Bosheit und bist der Feind aller Gerechtigkeit. Wirst du denn nie aufhören, die geraden Wege des Herrn zu verdrehen? Jetzt wird der Herr dich strafen und dich für eine Weile mit Blindheit schlagen.“ – Apostelgeschichte 13,10–11
Sogleich schrie Elymas auf, ein dunkler Nebel habe ihn umhüllt, und er taumelte umher und suchte jemanden, der ihn an der Hand führte. Sergius war von dieser Offenbarung der Macht Gottes so beeindruckt, dass er überzeugt war, Paulus und Barnabas hätten ihm die Wahrheit gesagt, und er glaubte ihrer Lehre über den Herrn. An diesem Tag bat der römische Prokonsul Jesus Christus, in sein Leben zu kommen und ihn zu einem neuen Menschen zu machen, und er wurde Christ (Apg. 13,12).
Sergius Paulus legte seine königlichen Gewänder nicht ab um sich Paulus und Barnabas auf ihren Missionsreisen anzuschließen, doch er war entschlossen, sein Möglichstes zu tun: Er wollte seine Macht und Autorität als Statthalter nutzen, um die Verbreitung des Christentums auf Zypern zu fördern und die kleinen christlichen Gruppen zu schützen, die Paulus und Barnabas bereits auf der ganzen Insel, von Salamis bis Paphos, dem Sitz der römischen Regierung, gegründet hatten. Obwohl Paulus, Barnabas und Johannes Markus Zypern später verließen, um das Evangelium in anderen Regionen weiter zu verkünden (Apg. 13,13), kehrten sie später zurück, um das Wachstum der Gemeinde mitzuerleben, als das Christentum unter der Gunst und dem Schutz des Sergius Paulus in der Region gedieh.
Obwohl das Neue Testament das Leben des Sergius Paulus nach seiner Bekehrung nicht detailliert beschreibt, ist seine Geschichte in der Apostelgeschichte von Bedeutung, da sie die erste Erzählung über einen römischen Beamten ist, der zum Christentum konvertierte. Er war zudem der erste Nichtjude, der in der Apostelgeschichte erwähnt wird, nachdem Paulus und Barnabas Zypern besucht hatten. Die Bekehrung eines hochrangigen römischen Beamten wie Sergius Paulus zum Christentum dürfte einen großen Einfluss auf die Verbreitung des Christentums in der Region gehabt haben. Als einflussreicher Mann konnte sein neu gefundener Glaube Türen für die Evangelisierung auf der ganzen Insel öffnen und der christlichen Botschaft Glaubwürdigkeit verleihen.
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