Über Rollen und Berufungen

März 7, 2026

Jorge Solá

[On Roles and Callings]

Ich habe über den Anchor- Artikel „Selig sind die Friedensstifter“ nachgedacht. Er hat mich tief berührt und mich dazu angeregt, meine Gedanken zu hinterfragen, denn ich bin oft aufgewühlt, wenn ich von Ungerechtigkeit oder der Grausamkeit, dem Egoismus oder dem Mangel an Mitgefühl von Menschen höre. Ich muss dann immer eine Anstrengung machen, Mitleid mit denen zu haben, die Übles tun, in dem Bewusstsein, dass auch sie Opfer von Satan sind und genauso der Erlösung bedürfen, wie die Menschen, die sie unterdrücken.

Der Artikel regte mich auch zum Nachdenken über unsere Rolle in der Welt an. Sicherlich liegt unsere Hauptaufgabe darin, das Evangelium zu verkünden. Aber sollte das unsere einzige Aufgabe sein? Sind wir ausschließlich dazu berufen, das Reich Gottes zu predigen, oder sind manche von uns auch zu irdischen Aufgaben berufen? Und wenn ja, dürfen wir Partei ergreifen, wenn wir etwas Falsches sehen? Sollten wir das überhaupt?

Im 1. Korintherbrief 12 listet Paulus verschiedene Rollen innerhalb der Gemeinde auf, entsprechend den Gaben, die jeder von Gott empfangen hat: „Gott hat bestimmte Menschen in der Gemeinde eingesetzt: erstens als Apostel, zweitens welche als Propheten, drittens als Lehrer, dann solche, die Wunder vollbringen, solche mit der Gabe der Heilung, solche, die anderen helfen, solche, die besondere Leiterschaftsfähigkeiten haben und andere zur Zusammenarbeit bewegen, und solche, die in anderen Sprachen sprechen können. Ist jeder ein Apostel? Natürlich nicht! Ist jeder ein Prophet? Nein. Sind alle Lehrer? Hat jeder die Kraft, Wunder zu tun? Haben alle die Gabe der Heilung? Natürlich nicht. Gibt Gott uns allen die Gabe, in anderen Sprachen zu sprechen? Können alle andere Sprachen deuten? Nein! Strebt aber nach den größeren Gaben! Ich will euch etwas zeigen, das alle diese Gaben übertrifft! (und es folgt das Kapitel 13 über die Liebe) – 1.Korinther 12,28–31

Jeder Mensch hat eine Berufung, und es fällt auf, dass einige der genannten Aufgaben nicht unbedingt spiritueller Natur sind. Verwaltung zum Beispiel – irgendjemand muss das ja erledigen. Die Gabe der Hilfeleistung hingegen bedeutet, bescheidene, praktische Aufgaben zu übernehmen. Viele missionsorientierte Christen haben ihr Leben der Verbesserung der Lebensbedingungen der Armen und Entrechteten gewidmet. Die Bibel ermutigt uns, an die Armen zu denken (Psalm 41,2). Und Jesus lehrte, dass eine Bedingung, um das Reich Gottes zu erben, darin besteht, die Hungrigen zu speisen, den Durstigen zu trinken zu geben, Fremde aufzunehmen, die Nackten zu kleiden und die Kranken und Gefangenen zu besuchen. (Matthäus 25,34–40).

Auch wenn wir Paulus' Rat an Timotheus beherzigen sollen, dass sich Soldaten Christi nicht „in weltliche Angelegenheiten verstricken“ (2 Timotheus 2,4), gibt es im praktischen Leben viele Dinge, die Aufmerksamkeit, Korrektur und manchmal sogar Kampf erfordern. Ich denke, es ist berechtigt, uns zu fragen: Was soll ich angesichts von Ungerechtigkeit tun? Soll ich mich ausschließlich der Verkündigung des Evangeliums und dem Gebet für die betreffende Sache widmen? Oder soll ich auch auf andere Weise aktiv werden? Vielleicht sind einige von uns berufen, der Ungerechtigkeit entgegenzutreten.

Nehmen wir zum Beispiel William Wilberforce, ein britisches Parlamentsmitglied und engagierter Christ. Man sagt, er habe den gesamten Psalm 119 auswendig gelernt und ihn auf seinem Weg durch den Hyde Park nach Hause rezitiert. Zwanzig Jahre lang kämpfte er unermüdlich gegen den britischen Sklavenhandel. Wilberforce war ein Nachfolger Jesu, doch er bezog auch mutig Stellung gegen die Sklaverei. Er hätte, wie einige andere, den Sklaven das Evangelium predigen können, doch seine Berufung war eine andere.

Gladys Aylward, eine britische Missionarin in China, ist ein weiteres Beispiel. Zeitweise war sie als „Fußinspektorin“ tätig und achtete auf die Einhaltung des Gesetzes, das den grausamen Brauch des engen Füßebindens junger Mädchen verbot – eine alte traditionelle, aber sehr schmerzhafte Praxis, die lebenslange Behinderungen verursachte. Christliche Missionare in China bekämpften diese Praxis durch Aufklärung und Lobbyarbeit und trugen so zu ihrer Abschaffung bei.

Hatten sie das Recht, so zu handeln? Ich denke schon. Bevor sie ihre Meinung äußerten, mussten sie zweifellos in ihren Herzen unter Gebet entscheiden, ob die jeweilige Praxis falsch war. Sie kamen zu dem Schluss, dass dies der Fall war – und handelten entsprechend. Jesus sagte: „Denkt darüber nach und richtet nicht nach dem äußeren Schein, sondern richtet gerecht!“ – Johannes 7,24). Mit anderen Worten: Es ist in Ordnung, unser von Gott gegebenes Urteilsvermögen zu nutzen, um das zu verurteilen, was wirklich verurteilenswert ist.

Nachdem wir jahrelang unser Bestes gegeben haben, unser Herz und unseren Verstand täglich mit dem Wort Gottes zu reinigen, uns seinem Willen zu unterwerfen und auf den Heiligen Geist zu hören, der uns in alle Wahrheit leitet (Johannes 16,13), sollten wir in der Lage sein, den Herrn zu suchen, wenn etwas fraglich ist, und darauf zu vertrauen, dass er zu uns spricht und unsere Urteile richtig geleitet werden (Jakobus 1,5). Natürlich werden wir Fehler machen, und manchmal werden wir selbst mit anderen Gläubigen nicht einer Meinung sein. Dennoch müssen wir unser Urteilsvermögen einsetzen, wenn wir die Führung des Herrn spüren.

Paulus erinnert uns: „Wisst ihr denn nicht, dass wir eines Tages die Welt richten werden? Und wenn ihr die Welt richten werdet, meint ihr da nicht, solche Kleinigkeiten unter euch klären zu können? Ist euch nicht bewusst, dass wir Engel richten werden? Da solltet ihr doch in der Lage sein, gewöhnliche Streitigkeiten hier auf der Erde beizulegen. – 1.Korinther 6,2–3 In gewisser Weise befinden wir uns hier in der Ausbildung. Wir sollten uns darin üben!

Jesus selbst verurteilte gelegentlich bestimmte Praktiken seiner Zeit, die er für ungerecht hielt. Er prangerte die Pharisäer an, weil sie die Häuser von Witwen ausbeuteten (Matthäus 23,14) und den Menschen schwere Lasten auferlegten (Matthäus 23,4). Er kritisierte die Korban-Praxis , die es den Menschen erlaubte, Geld für den Tempel zu spenden und so die Unterstützung ihrer Eltern zu umgehen, selbst wenn diese bedürftig waren (Markus 7,11–13). Er rügte selbstsüchtige Anführer, die Macht und Status über den Dienst an anderen stellten (Matthäus 23,5–7). Damit bezog er moralische Stellung gegen Korruption, Heuchelei und schädigende Traditionen.

Unser Schweigen angesichts von Ungerechtigkeit kann leicht mit Gleichgültigkeit – oder gar mit Duldung des Bösen – verwechselt werden. Ich denke, es ist gut, für das Richtige einzustehen und zu seinen Überzeugungen zu stehen, solange wir sicherstellen, dass unser Handeln vom Heiligen Geist geleitet und von Mitgefühl und Liebe getragen ist. Gewiss, wenn wir Stellung beziehen und Partei ergreifen, werden wir uns Feinde machen, aber das sollte uns nicht beunruhigen. Jesus warnte: „Weh euch, wenn alle Menschen gut von euch reden!“ – Lukas 6,26, und er sagte auch: „Liebt eure Feinde!“ – Matthäus 5,44 Dass man Feinde hat, ist also zu erwarten.

Mein Fazit? Wenn Gott dich beruft, das Evangelium zu verkünden und Seelen für Gott zu gewinnen, dann tu das. Wenn er dich beruft, ihm zu dienen, indem du anderer körperlicher Bedürfnisse stillst, Leben erleichterst oder Leid linderst, dann tu das – du zeigst Gottes Liebe und lebst das christliche Evangelium durch deinen Dienst an anderen. Und wenn er dich beruft, gegen Ungerechtigkeit oder Fehlverhalten einzustehen und alles in deiner Macht Stehende zu tun, um es zu beenden, dann weiche nicht zurück. „Verweigere keinem die nötige Hilfe, wenn es in deiner Macht steht, es zu tun“ – Sprüche 3,27

Gott beruft uns zu unterschiedlichen Zeiten zu unterschiedlichen Aufgaben, entsprechend seinem Plan. Es gibt so viel zu tun, und die Arbeiter – diejenigen, die bereit sind, seinen Willen zu tun – sind wenige.

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